Behandlungskonzept Frühgeborene

Kinder vom Kleinkindalter bis zum Schulabschluss können zur Rehabilitation aufgenommen werden. Bei kleinen Kindern ist die Aufnahme und Schulung einer Begleitperson Teil des Behandlungskonzepts.

Eine Indikation für eine stationäre medizinische Rehabilitation liegt dann vor, wenn die umfassende gesundheitliche und psychosoziale Beeinträchtigung durch die Erkrankung durch ambulante Maßnahmen und Unterstützung allein nicht mehr beherrschbar ist.

10% aller Kinder sind ehemalige Frühgeborene. Je früher diese Kinder geboren sind, desto höher ist unabhängig von den möglichen Komplikationen in der Neonatalperiode das Risiko eines oder mehrere der folgenden Störungsbilder zu entwickeln:

  • emotionale Störungen (speziell Anpassungsstörungen, Bindungsstörungen und Belastungsstörungen)
  • umschriebene Entwicklungsstörungen (der Sprache Motorik und LRS bei bis zu 15% der Kinder)
  • kognitive Störungen
  • ADHS
  • Autismus
  • obstruktive Lungenerkrankungen (Asthma und BPD)
  • Seh- und Hörminderung (ROP)
  • Regulations- und Wachstumsstörungen, Schlafstörungen

Die Familien frühgeborener Kinder sind sowohl in Folge der Belastungen der Neonatalzeit als auch in Folge dieser Begleiterscheinungen anhaltend schwer belastet.

Ehemals frühgeborene Kinder mit ihren Familien sind deshalb in besonderem Maß auf eine fachübergreifende (interdisziplinäre) Behandlung angewiesen. In der Rehabilitation kann dieser Anspruch nur von Kliniken mit einer umfassenden, sowohl somatischen, als auch psychiatrisch-psychosomatischen Fachkompetenz und einer engen Vernetzung mit der Akutmedizin erfüllt werden.

Wir haben daher in der Klinik Hochried dem zunehmenden Bedarf nach Rehabilitationsmöglichkeiten für ehemalige Frühgeborene mit der Entwicklung und Ausgestaltung unseres interdisziplinären, an den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Kinder, aber auch den Bedürfnissen der mit betroffenen Familie orientierten Therapiekonzepts Rechnung getragen.

Konkrete Aufnahmegründe nach Frühgeburtlichkeit können sein:

  • Intensivierung, Ergänzung, Erweiterung oder aber auch Anpassung und Vereinfachung der bisherigen Behandlungsmaßnahmen
  • Zusammenführen somatischer und psychosomatischer Therapien
  • Überprüfung der therapeutischen Bedürfnisse in Vernetzung mit den ambulanten Ärzten, Psychologen, SPZ und Therapeuten
  • Verbesserung des Alltagsverhaltens bei Essstörungen, Schlafstörungen oder anderen Regulations- oder Interaktionsstörungen durch Anpassung und Erprobung im Alltag
  • Behandlung der somatischen und psychiatrischen Begleiterkrankungen der Frühgeburtlichkeit (Lungenerkrankungen, Gedeihstörungen, Schlafstörungen, emotionale Störungen, ADHS, …)
  • Unterstützung, Anleitung und Beratung bei der Veränderung der Therapien mit dem Ziel der Verbesserung des Krankheitsmanagements und der Selbststeuerung und des Umgangs mit den angewandten therapeutischen Verfahren
  • Ausgleich und Unterstützung bezüglich krankheitsbegleitender schulischer Leistungsschwierigkeiten
  • Stabilisierung und Verbesserung einer beeinträchtigten Mutter-Kind-Interaktion
  • Unterstützung und Beratung bei der Verbesserung der sozialen Integration (Peer group, Schule)
  • umfassende Schulung und Beratung über Entwicklungsstörungen im Allgemeinen und z.B. Sprachstörungen, Zerebralparesen, Epilepsien, ADHS oder Autismus im Speziellen
 

Als krankheitsunabhängige Rehabilitationsziele haben wir uns zur Aufgabe gemacht, die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien zu unterstützen:

  • durch Entlastung von den aktuellen Belastungen und Beeinträchtigungen während des stationären Aufenthalts
  • durch Übertragen der Rehabilitationsziele in Alltagssituationen
  • durch Anleitung beim Umgang mit und dem Annehmen von (chronischer) Krankheit oder Beeinträchtigung
  • durch Beratung, Aufklärung, Patientenschulung und Elternschulung zur Erweiterung ihres Wissens und Verständnisses und nachhaltigen Verbesserung der persönlichen Situation.

Als spezielle Therapieziele stehen bei der Rehabilitation bei Frühgeburtlichkeit im Vordergrund:

  • die Beschwerdebesserung bezüglich der in den individuellen Therapiezielen formulierten Hauptbeschwerden (z.B. BPD, ICP, EWS, ADHS…) durch Ergänzung und Intensivierung und Vernetzung der bisherigen ambulanten Behandlung
  • die Mitbehandlung und Reduktion der relevanten Komorbidität zur Verbesserung des somatischen und psychiatrischen Risikoprofils und der Teilhabefähigkeit
  • die Verbesserung oder Wiederherstellung der eingeschränkten Lebensqualität und Wiederherstellung der körperlichen und psychischen Belastbarkeit und der Teilhabefähigkeit in Kindergarten/ Schule/ Alltag
  • Stabilisierung der häufig durch Regulationsstörungen beeinträchtigten Funktionen des Essverhaltens, des Schlafverhaltens und der Eltern-Kind-Interaktion
  • die Anleitung zum optimalen Selbstmanagement der unterschiedlichen Erkrankungen und Begleiterkrankungen
  • die Integration des verbesserten Selbstmanagements und Gesundheitsverhaltens in den Alltag und in die Familie und die Reduktion der Belastung der Familie bzw. die Verbesserung der Umgebungsfaktoren für die Familie
  • der enge Austausch mit den medizinisch, therapeutisch und v.a. auch sozialrechtlich relevanten ambulanten Partnern (d.h. auch SPFH, Tagesstätten und Schulen, sowie SPZ)
  • die Beratung für eine spätere berufliche Tätigkeit bei der entsprechenden Altersgruppe
 

Die konkreten Rehabilitationsziele sollten gerade bei ehemaligen Frühgeborenen wegen der komplexen individuellen Beeinträchtigung bereits vor der stationären Aufnahme zwischen Kindern, Eltern und behandelndem Arzt besprochen und festgelegt werden. Sie werden bei Aufnahme noch einmal präzisiert, falls erforderlich nach gezielter Diagnostik ergänzt und in den regelmäßigen Visiten im Behandlungsverlauf angepasst werden. Kinder und Jugendliche nach Frühgeburtlichkeit werden in altershomogene und bezüglich ihrer Hauptbedürfnisse diagnosespezifische Gruppen integriert.

 

Grundsätzlich stehen den Kindern nach Frühgeburtlichkeit alle Fachbereiche der Klinik zur Verfügung (Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialpädagogik, Therapie und Schule). Die Umsetzung der Behandlungsziele erfolgt in enger, interdisziplinärer Zusammenarbeit aller Bereiche unter ärztlicher Leitung.

Speziell bei ehemaligen Frühgeborenen werden in der Therapie u.a. eingesetzt:

  • Angebot zur Durchführung der medizinisch (oder psychiatrisch) notwendigen Verlaufsdiagnostik (Vitalparameter, Labor, EEG, Lungenfunktion, psychologische Testverfahren, …)
  • Bewegungstherapie, Psychomotorik, Motopädie
  • Sport (mit z.B. Ausdauertraining, Gehtraining, Ausdauerschwimmen, Ballspielen…)
  • Physiotherapie
  • Psychotherapie (mit z.B. Emotionsregulationstraining, Training sozialer Fertigkeiten…)
  • Entspannungsverfahren/ autogenes Training, Musiktherapie, Kunsttherapie
  • Ernährungstherapie mit Modulen z.B. zu allgemeiner Gesundheitsberatung, Ernährungsberatung und Lehrküche
  • Schule, Patientenschulung und Elternschulung (insbesondere zu EWS, ICP, Epilepsien, ADHS, Asthma…), Elternberatung, Kriseninterventionstraining
  • Milieutraining (bei Bedarf spezifisch) in der Gruppe

Die detaillierten Therapiepläne sind im QM-System der Klinik abgelegt.

 

Die teils mehrtägigen Schulungen für Patienten und auch für die Eltern jüngerer, wie auch älterer Kinder sind ein zentraler Behandlungsbaustein, der den nachhaltigen Erfolg der Rehabilitation verbessern soll. Die Schulungen werden von themenspezifisch geschulten, teils zertifizierten Trainern geleitet und durchgeführt. Die Behandlungsempfehlungen orientieren sich an den aktuellen medizinischen Leitlinien der AWMF und den Erfahrungen aus dem klinikeigenen Forschungsprojekt zur Elternschulung in Kooperation mit der Universität Bremen.

 

Die Rückkehr in einen Schulalltag ohne Ängste und Belastungen ist für Kinder, die sich immer wieder mit den Folgen der Frühgeburtlichkeit konfrontiert sehen, sehr wichtig. Ziel des Unterrichts in unserer großen Klinikschule ist es daher auch, die Kinder und Jugendlichen nach einer Phase der Entlastung beim Aufholen von Versäumtem zu unterstützen und die Reintegration in den schulischen Alltag zuhause vorzubereiten. Dies ist durch Unterricht in kleinen Klassen und in einer Intensität von bis zu 20 Stunden pro Woche möglich.

 

Trotz der Wohnortferne der bei uns aufgenommenen Kinder fühlen wir uns auch der ambulanten Nachsorge nach der stationären Rehabilitation verpflichtet. Dies kann in Folge individueller Umstände und der Ferne jedoch manchmal nur eingeschränkt erreicht werden. Wir bemühen uns aber (bei Zustimmung der Eltern) in jedem Fall um die Einbeziehung der Kinderärzte/ Hausärzte, ambulant tätigen Therapeuten und die Vermittlung weiterer Hilfen, Beratungsstellen und Fachleute.

Nachsorge und Vernetzung spielen bei der Behandlung der Frühgeburtlichkeitsfolgen eine besonders wichtige Rolle, um eine Nachhaltigkeit der Fortschritte und der Entlastung zu erreichen.

 
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Allgemeines Behandlungskonzept

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Kontakt

Klinik Hochried
Zentrum für Kinder,
Jugendliche und Familien
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